Let’s kill all the lawyers

Über die Gefahr, Shakespeare zu wörtlich zu nehmen

Gerade war noch von einem „Chief Happiness Officer“ die Rede, den größere Anwaltskanzleien zur Bespaßung ihres offenbar freud- und trostlosen Nachwuchses installieren wollen. Aber jetzt wird es ernst. Twitter sperrte den Professor Peter Kirwan aus Nottingham, weil dieser eine lokale Shakespeare-Truppe mit einem Zitat aus Henry VI., Teil 2 anfeuern wollte: „break a leg everyone and do kill all the lawyers“. Twitter wähnte einen Verstoß gegen seine Missbrauchs- und Belästigungsregeln, „physisches Leid“ anzudrohen sei unzulässig, selbst bei Anwälten. Beine zu brechen (eigene und fremde) fällt unter den Verbotskatalog, lawyerkilling auch. Dabei hat Shakespeare das gar nicht so gemeint, im Gegenteil: wenn er den Metzger Dick dem Rebellen Jack Cade das mörderische Vorgehen empfehlen lässt, sind das ja die Schurken, deren Aktionen das Gegenteil des tatsächlich Erstrebenswerten darstellen.

Aber das Vorgehen von Twitter ist symptomatisch: die Gedankenpolizei wittert in ihrem calvinistischen Eifer überall Unrat. Beispiele gibt es genug: gerade erst wurde eine Ausstellung der Historischen Abteilung der Cambridge University von der Universitätsleitung mit einem trigger warning versehen, dass der verwandte weiße Marmor keine Bevorzugung der „weißen“ Gesellschaft darstelle, Michelangelo hätte eben nur nichts Besseres zur Verfügung gestanden. Bei einer Aufführung von „Romeo & Julia“ hielt man eine Art von Beipackzettel für erforderlich, wonach für den Freitod der jungen Leute nicht unerfüllte Liebe, sondern eine seelische Störung kausal sei (offenbar wollte man einen Werther-Effekt vermeiden und stattdessen zum Besuch des lokalen Psychologen ermuntern); für die schlichteren Gemüter folgte noch der Zusatz, dass die Schauspieler sich am Ende nicht wirklich umbringen. Der Wal in Moby Dick? Ein Symbol für „white supremacy“! Der Tod im Salzburger „Jedermann“ heißt jetzt Tödin, weil er von einer Dame verkörpert wird. Im WDR wurde dem DFB „institutioneller“ Rassismus vorgeworfen, weil es keine schwarzen Torhüter gäbe. Eine weiße Geigerin durfte nicht mehr mitspielen, weil sie Dreadlocks auch bei sich selbst hübsch fand: unerlaubte kulturelle Aneignung. Selbst die Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten aus dem 18. Jahrhundert bleibt nicht ungeschoren: die National Archives haben einen Warnhinweis angebracht, dass deren Text „veraltet, voreingenommen und beleidigend“ sei. Das erklärte Feindbild dieser hysterischen Phänomenologie sind die „weißen alten Männer“. Wobei es niemanden zu stören scheint, dass hier gegen gleich drei Diskriminierungsverbotsmerkmale (Hautfarbe, Alter, Geschlecht) verstoßen wird.

Allerdings hat Twitter die Sperrung wieder aufgehoben, nachdem der „Fehler“ bemerkt wurde. Aber diese Rolle rückwärts ist angesichts einer bemerkenswerten Pressekampagne gegen Anwälte vielleicht doch bedenklich. Denn manche könnten tatsächlich versucht sein, an dem Zitat mehr als bloß ästhetisches Wohlgefallen zu finden. Die englische Presse veranstaltet nämlich eine rigorose Hetzjagd auf Anwälte, die die Interessen der russischen Oligarchen, die sich gegen die Beschlagnahme ihres Vermögens wehren, vor Gericht vertreten. Man muss diese Leute, deren Geld mutmaßlich aus illegalen Quellen stammt und die sich mit kritischen Äußerungen zum Ukrainekrieg sehr zurückhalten, um es sich mit der Kremlobrigkeit nicht zu verscherzen, nicht mögen, aber das kann für die Pressemogule und deren Paladine keine Rechtfertigung sein, ihnen den Rechtsweg zu versperren. Und deren Anwälte öffentlich als verwerfliche Helfershelfer an den Pressepranger zu stellen, unter voller Nennung ihrer Namen und Kanzleien. Die Ankündigung der Legislative, Maßnahmen gegen solche „missbräuchliche Rechtsstreitigkeiten“ zu ergreifen, sind bloße Spiegelfechterei, denn am Ende entscheiden ja doch wieder die Gerichte, was missbräuchlich ist. Und das tun sie ja ohnehin und auch heute schon. Also alles heiße Luft. Wo bleibt da der „due process of trial“, ehedem ein fester und grundlegender Bestandteil (nicht nur) des britischen Verfassungsrechts? Heute, wo doch so viel von Rechtsstaatlichkeit die Rede ist oder vielmehr dem Mangel daran, sollte doch selbstverständlich sein, dass jedem Bürger der Rechtsweg offenstehen muss (Betonung auf jedem), vor allem gegenüber staatlichem Handeln. Und ebenso selbstverständlich ist das Recht, auf diesem Weg von einem Anwalt begleitet zu werden.